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GESCHICHTEN VON FRANZISKA ROCH

Aus dem Nähkästchen plaudern?

Garn, Geheimnisse und ein Stoffherz: Was in unseren Nähkästchen wirklich vergraben liegt.

Ich sehe es noch genau vor mir: dieses sanfte, hölzerne Knarren. Wenn meine Mutter ihren aufklappbaren Holznähkasten öffnete, war das für mich wie das Öffnen einer Schatztruhe. Als kleines Mädchen fand ich diese hölzernen Wunderwerke unheimlich spannend. Diese Magie, wenn sich durch das Ziehen an den Griffen immer neue Fächer wie von Zauberhand freigaben! Es war mein absolut größtes Glück, wenn ich den Inhalt untersuchen durfte – natürlich streng unter Aufsicht. Die glatten Knöpfe, die bunten Garnrollen, das metallische Klicken der Fingerhüte.

Dieses Gefühl von Geborgenheit und Entdeckergeist hat mich nie losgelassen. Später bekam ich mein eigenes kleines Nähkörbchen. Es hat mich durch so viele Lebensphasen begleitet und steht heute noch in meinem Haushalt. Und die Geschichte ging weiter: Da mein Sohn als Waldorfschüler natürlich auch Handarbeitsunterricht hatte, zog Jahre später ein ganz besonderes Unikat bei uns ein – ein Nähkästchen aus Stoff in Herzform. Beide Stücke hüte ich bis heute wie kleine Heiligtümer. Sie sind für mich gefüllte Zeitkapseln voller Erinnerungen.

Kein Wunder also, dass uns eine ganz bestimmte Redensart sofort ein Gefühl von Vertrautheit schenkt: „Aus dem Nähkästchen plaudern“. Wenn wir das tun, vertrauen wir jemandem Geheimnisse an, teilen Insiderwissen oder geben ganz private Details preis, die eigentlich nicht für jeden bestimmt sind.

Diese Verbindung von Nähkästchen und Intimität kommt nicht von ungefähr, sondern führt uns direkt ins 19. Jahrhundert. Damals war das Nähkästchen der wohl privateste Rückzugsort einer Frau. In einer Zeit, in der es kaum Privatsphäre gab, besaßen diese Kästchen oft ein Schloss. Neben Nadel und Faden wurden darin die wahren Schätze versteckt: heimliche Liebesbriefe, Tagebücher, abgerissene Notizen oder getrocknete Blumen. Wenn Frauen sich zum gemeinsamen Handarbeiten trafen und sprichwörtlich ihr Nähkästchen öffneten, teilten sie ihre tiefsten Geheimnisse miteinander.

Literarisch unsterblich wurde dieser Brauch durch Theodor Fontane. In seinem Meisterwerk Effi Briest (1895) warnt Effis Mutter in einem Brief: „… und plaudere nicht mehr als nötig aus dem Nähkästchen.“

Für mich als Autorin schließt sich genau hier der Kreis. Was tue ich beim Schreiben eigentlich anderes, als aus dem Nähkästchen zu plaudern? Wenn ich Geschichten erfinde, öffne ich mein ganz eigenes, inneres Kästchen. Ich wühle in den Fächern meiner eigenen Erinnerungen, krame verborgene Gefühle hervor und webe sie in meine Figuren ein. Jede gute Geschichte ist letztlich ein behutsames Plaudern aus dem Nähkästchen der menschlichen Seele – und ich freue mich darauf, diese Geheimnisse weiterhin mit euch zu teilen.

Geschrieben von Franziska Roch.

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