
Wer wie ich seit 18 Jahren an der norddeutschen Küste lebt, lernt schnell die Kunst des gepflegten Schweigens. Ein kurzes „Moin“ am Morgen, ein zustimmendes „Jo“ am Nachmittag – mehr Worte braucht es hier oben oft nicht, um tiefe Verbundenheit auszudrücken. Ein Klischee? Ich denke nicht. Ich erlebe es immer wieder: Der Norddeutsche verschwendet keine Silben. Und doch gibt es sie auch hier: Menschen, die so ganz aus der Reihe tanzen und sprichwörtlich „reden wie ein Buch“.
Aber habt ihr euch mal gefragt, woher dieses Bild eigentlich kommt?
Heute meinen wir damit meist jemanden, der ohne Punkt und Komma quasselt und der andere kaum zu Wort kommen lässt.
Ursprünglich steckte dahinter aber ein riesiges Kompliment! Im 18. und 19. Jahrhundert waren Bücher kostbare Schätze, voller Weisheit, fehlerfreier Grammatik und wohlformulierter Sätze. Wer „wie ein Buch redete“, sprach also druckreif, hochgebildet und elegant. Es war der pure Neid der Zuhörenden, der daraus sprach.
Später bemerkte der große Sprachzauberer Kurt Tucholsky allerdings auch einmal leicht ironisch: „Es gibt Menschen, die reden wie ein Buch – aber leider häufig nur wie ein sehr langweiliges.“
Zum Glück sind die Vielredner in meinem Umfeld alles andere als langweilig. Sie bringen Leben in die Stille am Meer. Sie schlagen Kapitel auf, wo andere nur ein Satzzeichen setzen. Ja,sie „reden wie ein Buch.“