
Wer von uns hat als Kind nicht die Geschichten aus Bullerbü verschlungen oder mit Pippi Langstrumpf gefiebert? Na ja, um ehrlich zu sein: ich leider nicht. Zumindest damals nicht.
In der DDR, in der ich aufgewachsen bin, waren Astrid Lindgrens Werke nämlich Mangelware. Ob es an den knappen Lizenzen, der komplizierten Beschaffung oder den begrenzten Buchauflagen lag – in den Regalen meiner Kindheit suchte man sie meist vergeblich. Für mich war die berühmte Autorin deshalb lange Zeit ein weißer Fleck auf der Landkarte.
Vielleicht fasziniert mich die schwedische Ikone genau deshalb heute umso mehr. So habe ich mir auch die wunderbare Biografie „Jenseits von Bullerbü“ von Maren Gottschalk beschafft – und was soll ich sagen? Ich bin zutiefst inspiriert davon.
Das Buch räumt wunderbar mit dem Mythos auf, dass großartige Kindergeschichten immer aus einer perfekten, zuckersüßen Welt purzeln müssen. Maren Gottschalk zeigt uns die echte Astrid. Nicht nur die weltberühmte, ältere Dame mit der runden Brille, sondern auch das junge, verletzliche Bauernmädchen, das schon früh ungeheuren Mut beweisen musste.
Wusstet ihr zum Beispiel, dass sie als junge Frau jahrelang als alleinerziehende, mittellose Sekretärin in der Großstadt Stockholm ums Überleben kämpfte? Nichts mit heiler Welt oder Bullerbü-Idylle.
Aber genau hier liegt das bittersüße Geheimnis, das mich als Geschichtenerzählerin so tief berührt hat: Astrid Lindgren hat den Schmerz, die Einsamkeit und die Sehnsucht ihrer eigenen Biografie genommen und daraus das pure Gold ihrer Geschichten geschmiedet. Sie hat die Melancholie des Lebens mit Humor besiegt. Pippi Langstrumpf entstand, weil ihre Tochter schwerkrank im Bett lag und nach Ablenkung verlangte. Wenn das nicht die beste Motivation für unser eigenes kreatives Schaffen ist!
Was ich mir von Astrid fürs Geschichtenschreiben abgeschaut habe?
Mut zum Quatsch: Bleib im Herzen ein Kind. Astrid ist noch als ältere Dame leidenschaftlich gern auf Bäume geklettert!
Die Kraft des Schattens: Die besten Geschichten entstehen dort, wo Licht und Dunkelheit aufeinandertreffen. Hab‘ keine Angst davor, deinen Figuren auch schwere Rucksäcke aufzubürden. Erst der Kontrast macht die Hoffnung spürbar.
Einfach anfangen: Manchmal braucht es kein episches Exposé, sondern nur einen kleinen Funken – ein trauriges Kind, einen trüben Nachmittag, einen skurrilen Namen.
„Jenseits von Bullerbü“ ist für mich weit mehr als eine Biografie. Es ist eine Liebeserklärung an das Erzählen selbst und ein Beweis dafür, dass unsere verletzlichen Seiten oft unsere größte kreative Superkraft sind.
Eure Franziska