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GESCHICHTEN VON FRANZISKA ROCH

"Vor langer Zeit, in den Tagen der Armut"

aus dem fast vergessenen Buch "Klingt meine Linde" von Astrid Lindgren

Mehr oder weniger kennen wir alle Pippi Langstrumpfs bunte Villa Kunterbunt oder die lustigen Streiche von Michel. Doch abseits dieser Welten hat Astrid Lindgren auch Geschichten geschrieben, die so leise und tiefgründig sind, dass sie einem schier den Atem rauben. Mein absoluter Herzensbrecher für diese Woche ist der schmale, fast vergessene Märchenband Klingt meine Linde. Ich muss euch gestehen, dass die Tränen in meinen Augen nicht lange auf sich warten ließen.

Jedes der drei Märchen beginnt mit diesem einen, magischen Satz, der wie ein dunkler Samtmantel wirkt:

„Vor langer Zeit, in den Tagen der Armut...“

In der Titelgeschichte begegnen wir der kleinen, achtjährigen Waise Malin, die nach dem Tod ihrer Eltern im bitterkalten, freudlosen, verwanzten Armenhaus, dem Spittel landet. Es ist ein Ort der absoluten Trostlosigkeit. Und doch reicht diesem kleinen Mädchen ein einziges, beim Betteln aufgeschnapptes Wortfragment, um die Dunkelheit zu vertreiben: „Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall?“ 

Um diesen Traum wahr werden zu lassen, pflanzt sie voller Hoffnung eine winzige Erbse auf dem kargen Kartoffelacker.

Astrid Lindgren mutet ihren jungen Lesern hier eine emotionale Tiefe zu, die heute in der Kinderliteratur selten geworden ist. Die Sprache ist von einer so reinen, poetischen Schönheit, dass man die Sätze laut vorlesen möchte, um ihren Klang im Raum zu spüren.

Beim Lesen spürte ich aber noch etwas anderes: eine tiefe Dankbarkeit. Diese „Tage der Armut“ liegen historisch gesehen erst rund 100 Jahre zurück. Wenn wir heute auf unsere beheizten Wohnungen, die vollen Kühlschränke und die medizinische Versorgung blicken, zeigen uns diese drei traurig-schöne Märchen, welche unfassbaren gesellschaftlichen Fortschritte wir erzielt haben und auf welch hohem Niveau wir heute manchmal jammern.

Klingt meine Linde ist kein Buch für zwischendurch. Es ist ein Buch für die Kuschelecke, zum gemeinsamen Anschauen, Weinen, Reden und – vor allem – zum gemeinsamen Glücklichsein über das, was wir heute haben. Und: es ist ganz sicher auch ein Buch für Erwachsene.

Geschrieben von Franziska Roch.

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